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Südamerika-Reise 2009 -- Bericht 1


Zum zweiten Mal per Frachtschiff über den grossen Teich





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links: Seereise Atlantik - Südamerika
rechts: Seereise Europa - Afrika
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Am 1. Mai ist der Tag, auf den wir lange gewartet und hingearbeitet haben, endlich gekommen. Der Abschied von unseren Familien fällt natürlich schwer, wir werden uns wohl erst nach einer langen Zeit wieder sehen. Aber wir freuen uns überaus auf unsere zweite grosse Reise durch Südamerika und fahren mit unserem Nordwind erwartungsvoll via Ostschweiz nach Deutschland. Hier wollen wir auf dem Weg zum Hafen noch einige Reisefreunde besuchen. Den ersten Stopp machen wir bei Petra & Mustafa im Allgäu, weiter geht es nach Stuttgart zur Familie Bäuerlein. Dann fahren wir nach Norddeutschland zu Birgit & Udo, die wir auf unserer letzten Reise in Südamerika kennengelernt haben. Überall werden wir bestens bewirtet und tauschen bis spät in die Nacht Reiseerinnerungen aus. Birgit & Udo wohnen in Bramsche bei Osnabrück, schon recht nahe an den norddeutschen Häfen. Wir sind nicht die ersten Reisenden, denen sie einen letzten Stützpunkt zum Warten auf die Einschiffung bieten. Auch Leute, die sie noch nicht kennen, sind bei ihnen willkommen. Der Kontakt kann bei Bedarf über uns hergestellt werden. “Unser“ Schiff ist aber im Fahrplan drin und so fahren wir zwei Tage später weiter nach Hamburg zum Hafen. 

Gar einen Tag früher als erwartet werden wir für den Morgen des 11. Mai in den Hafen beordert und von einem Begleitfahrzeug zum Schiff gebracht. Da stehen wir nun mit unserem Reisemobil vor der kolossal grossen Grande San Paolo der Grimaldi Lines. Von einem italienischen Offizier werden wir begrüsst, können sogleich an Bord fahren und auf Deck 6 einparken. Der Steward wird gerufen. Er führt uns zum Unterkunftsdeck hoch und zeigt uns die Kabine. In der Offiziersmesse steht auch bereits das Mittagessen auf dem Tisch. 



Beim Essen lernen wir die anderen Passagiere kennen, es ist ein älteres Ehepaar aus Frankreich. Sie befinden sich auf der Rückreise aus Südamerika und werden das Schiff in vier Tagen in Antwerpen verlassen. Weitere Passagiere sind noch nicht an Bord und auf Nachfrage erklärt man uns, dass wir die einzigen Gäste auf der folgenden Überfahrt bleiben werden. Das Essen ist einfach aber unserer Meinung nach ganz gut. Die Franzosen und scheinbar auch ein Teil der Crew sehen dies aber anders. Es gibt je einen Gang Pasta, Fisch und Fleisch, alles ohne jegliche Beilage. Gemüse und Salat sind offenbar Mangelware. 

Der indische Stewart Bashir erklärt uns in gebrochenem Englisch einige Bordregeln, z.B. die Essenszeiten. Wir richten unsere mit Stockbett, Schrank, Pultkommode, Kühlschrank, Dusche und Toilette ausgestattete Innenkabine wohnlich ein und schauen am Nachmittag auf dem Aussendeck den Verladetätigkeiten zu. Die Arbeiten ziehen sich in die Länge, aber um 22:00 Uhr sind die Leinen los und wir starten definitiv zu unserer zweiten Seereise nach Südamerika. Trotz Wind und Dunkelheit harren wir noch eine ganze Weile an Deck aus. Die Einfahrt aus der Elbe in die Nordsee bei Cuxhaven erleben wir aber bereits schlafend. 

Während der Überfahrt über die Nordsee nach England studieren wir die in den langen Gängen des Unterkunftsdecks ausgehängten Schiffspläne. Die Grande San Paolo misst 214m in der Länge, 32.25m in der Breite und 38.9m in der Höhe. Sie hat elf Fahrzeug-decks, ein Unterkunftsdeck und ein Aussendeck mit der Kommandobrücke. Die rollende Fracht wird über eine grosse Rampe am Heck auf die verschiedenen Decks gefahren, die Container auf dem Vordeck werden per Kran verladen. Die maximale Ladekapazität beträgt 1'321 Container (20 Fuss) und 3’670 Autos, dies ergibt ein Gesamtgewicht von 56'700 Bruttoregistertonnen. Das Schiff wurde im Jahr 2003 in der Fincantieri Werft in Palermo auf Sizilien gebaut und fährt unter italienischer Flagge. 

Nach einem Tag auf der Nordsee kommen wir mitten in der Nacht in Tilbury an der Themsemündung vor London an. Viel Fracht schlagen wir hier nicht um. Neue Range Rover werden unter Deck gefahren, auf dem Vordeck werden Container auf- und abgeladen. Weil im Hafen nur sehr alte Krananlagen zur Verfügung stehen, wird mit dem Bordkran gearbeitet, was sehr zeitaufwendig ist. So dauern die Lade-arbeiten bei typisch englischem Wetter den ganzen Tag. Erst in der Nacht verlassen wir den Hafen wieder und nehmen Kurs zurück nach Osten auf. 

Nach weniger als einem Tag Fahrt erreichen wir die Mündung der Schelde an der niederländischen Küste. Ein paar Stunden navigieren wir flussaufwärts, bis wir an der Einfahrt zum belgischen Hafen von Antwerpen angelangen. In der grossen Schleuse vor dem Hafen ist Massarbeit gefragt, dann legen wir direkt hinter dem Schwesterschiff der Grande San Paolo der Grande Amburgo an. 

Antwerpen ist der europäische Hauptumschlag-platz der Reederei Grimaldi, zeitweise liegen vier Schiffe der Südamerika- und Westafrika-Linien gleichzeitig am Kai. Auf einem riesengrossen Platz stehen die neuen und alten Fahrzeuge zur Verladung bereit. Vielleicht sind es wegen der Wirtschaftskrise weniger als noch vor fünf Jahren, aber es sind immer noch mehrere Tausend. Nicht wenige davon werden in unser Schiff verladen. Per Fernglas erkennen wir auf den Altautos für Afrika die Aufkleber mit der Angabe des Zielhafens. Wir werden ausser Dakar offenbar auch Banjul, Conakry und Freetown anlaufen. Der Afrikateil unserer Seereise scheint interessant zu werden. Auf dem Platz erkennen wir auch sieben alte Eisenbahnwaggons. Im Laufe des Tages werden auch diese in den Rumpf unseres Schiffes geschoben. Einer davon ist sogar ein Gepäckwagen der Schweizerischen Bundesbahn (SBB). Per Seilwinde wird Proviantnachschub und palettenweise Mineralwasser vor die Küche auf Deck 12 hochgezogen. Hoffentlich ist auch Salat und Gemüse dabei! Wie üblich in den europäischen Häfen gibt es auch in Antwerpen ein paar Wechsel in der Besetzung der Crew. Mit Rocco bekommen wir beispielsweise einen neuen Koch. Die beiden französischen Passagiere gehen hier von Bord, ab jetzt sind wir die einzigen Passagiere. Dies stört uns gar nicht, denn wir glauben kaum, dass es uns langweilig werden wird. Nach etwas mehr als einem Tag verlassen wir Antwerpen wieder. 

Auf der folgenden Überfahrt durch den Ärmelkanal nach Le Havre lernen wir einige Crewmitglieder etwas besser kennen. Der Einzug von Koch Rocco bringt Schwung in die Küche. Ab sofort zaubert er mit seinem Gehilfen Cardozo abwechslungsreiches Essen auf den Tisch, Gemüse und Salat gehören immer dazu. Seine fröhliche Art sorgt für Stimmung, neben lauter Musik dringen auch seine Gesänge aus der Küche in den Essraum. Die Schiffsbesatzung von 29 Mann ist international zusammengesetzt. Der Kapitän ist Italiener, die Offiziere stammen aus Italien, Rumänien und Indien. Die Seeleute kommen zum grösseren Teil aus Indien, es sind aber auch hier Italiener und Rumänen dabei. Nicht alle wirken bei der Arbeit glücklich. Dies dürfte wohl auf ihre lange Abwesenheit von zu Hause zurückzuführen sein. Die Vertragszeit auf dem Schiff dauert je nach Funktion vier bis sieben Monate, erst dann können sie wieder zu ihren Familien zurückkehren. Die Meisten werden nach einer Urlaubszeit aber wieder neu anheuern. Wir haben Crewmitglieder an Bord, die schon seit 30 Jahren zur See fahren. Auch der Chief Mate (höchster Offizier und Stellvertreter des Kapitäns) Renato wird in Bilbao nach sechs Monaten auf der Grande San Paolo ausschiffen. Uns scheint es auch an der Zeit, dass der von der Frisur her Albert Einstein zum Verwechseln ähnlich sehende Mann nach Hause kommt. Manchmal schläft er schon fast im Stehen ein. Sein rumänischer Nachfolger ist bereits in Antwerpen an Bord gekommen. 

Einen Tag nur dauert die Überfahrt, dann erreichen wir die Einfahrt zum Hafen von Le Havre. Vorbei an einer endlosen Reihe von Tanklagern gelangen wir zur grossen Schleuse, die den Wasserstand im Hafenbecken auch bei Ebbe und Flut konstant hält. In der Schleusenkammer ist Massarbeit ge-fragt, neben den Ozeanriesen und den Schleppern finden immer auch noch ein paar kleinere Schiffe Platz. Der Kapitän bittet uns in die Kommando-brücke und lässt uns einen Kaffee servieren. Er erklärt uns, dass wir als allein mitreisende Passagiere hier jederzeit Zutritt haben. Das freut uns natürlich, dadurch erhalten wir einen besseren Einblick in die Aufgaben auf der Brücke. Hier in Le Havre fallen uns sofort die vielen leeren Plätze an den Containerterminals auf, laut Chief Mate ist dies ganz eindeutig auf die Wirtschaftskrise zurückzuführen. 

Nach einem Sonntag ohne Ladetätigkeit rücken die Hafenarbeiter am Montagmorgen an und beladen die Grande San Paolo mit Containern, einigen Neuwagen sowie Altautos und LKW’s für Afrika. Einige LKW-Gespanne beladen mit kleineren LKW’s, Autos und Schrottteilen werden zu den Containern auf das Vordeck gefahren. Beim engen Einparken fahren die unzimperlichen Hafen-arbeiter auch noch einiges kaputt. Wir haben überhaupt den Eindruck, dass ziemlich viel Schrott nach Afrika entsorgt wird. Aber mit dem nötigen Improvisationstalent lässt sich aus vielem noch etwas herrichten. Die Hafenarbeiter hier wirken nicht sonderlich motiviert, von vier Mann arbeitet einer und drei haben die Hände in den Hosentaschen. So liegen wir zwei volle Tage im Hafen und machen uns dann auf den Weg nach Bilbao. 

Wir umrunden die Bretagne und durchqueren den Golf von Biscaya bei gutem Wetter und aussergewöhnlich wenig Seegang. Kurz vor Bilbao sehen wir mehrmals Delfine. Sie tauchen auf und springen über die Wellen. Der gelbe Streifen an ihrer Seite ist gut zu erkennen. Welch ein Glück, diese Delfinart sehen wir in der freien Natur zum ersten Mal. 

Mitten in der Nacht erreichen wir Bilbao. Hier in Spanien ist es schon recht warm, so können wir das Einlaufen und Festmachen trotzdem noch auf Deck beobachten. Die Ladearbeiten dauern den ganzen folgenden Tag, werden aber viel speditiver ausgeführt als zuvor in Le Havre. Drei Helikopter werden über die Rampe an Land geschoben und gleich im Hafenareal die Rotoren montiert. Auf das Vordeck werden viele grosse Container (40 Fuss) sowie Flatracks mit drei Schützenpanzern der UN-Friedenstruppen und überdimensionalen Holzkisten zugeladen. In den Schiffsbauch kommen neben kleinen Containern (20 Fuss) auch Schwerlastauflieger beladen mit Kranteilen, Armierungseisen und Eisenbahnschienen sowie ein Reisebus und Baumaschinen. Eine andere Maschine sorgt für einen Unfall in der Küche. Das Messer löst sich von der Fleischaufschneidmaschine und trifft den Koch Rocco am Zeigefinger. Ein Arzt kommt an Bord, begutachtet die Verletzung und verbindet gleich die ganze Hand. Weil dies zum Arbeiten in der Küche nicht sehr praktisch ist, ändert Rocco den Verband und legt ihn nur noch um den einen Finger. Er meint, der Knochen sei zwar zu sehen, aber er werde auf jeden Fall auf dem Schiff bleiben. Darüber sind sicher alle froh. Wir verlassen Bilbao am späteren Abend wieder. Beim Auslaufen beobachten wir einen glühenden Funkenregen, der aus unserem Schiffskamin sprüht. Wir melden die Beobachtung dem Chief Mate. Er schaut sich die Sache an und klärt uns auf, dass dies auf den noch nicht richtig warmgelaufenen Motor zurückzuführen sei und deshalb kein Grund zur Besorgnis bestehe. 

Bilbao war der letzte Hafen in Europa, nun folgt die grosse Fahrt nach Afrika. Wir umrunden Spanien und Portugal, überqueren den Zugang zur Strasse von Gibraltar und fahren vor der Küste von Marokko, der West-Sahara und Mauretanien südwärts. 



| Das gemächliche Tempo der Grande San Paolo nutzt die Crew für Wartungsarbeiten am Schiff. Ein Teil des Vordecks wird mit Nadelhämmern entrostet und anschliessend neu gestrichen. Bis zu fünf Mann sind bei Wind und Seegang damit beschäftigt. Auch uns wird es nicht langweilig, wir verbringen die Tage mit Spanisch lernen, Reise-route planen, arbeiten für unsere Internetseite und halten uns im Trainingsraum auf dem Home-trainer, mit Tischtennis und Tischfussball fit. |


Afrika lässt bereits grüssen, die Temperaturen steigen von Tag zu Tag an. An einem Nachmittag schlägt die Schiffssirene Alarm und kündigt damit die Notfallübung “Emergency Drill Abandon Ship“ zum Verlassen des Schiffs an. Alle an Bord erscheinen mit Schwimmweste, Helm und Überlebensanzug am Sammelpunkt auf Deck. Ein Appell wird durchgeführt und die Crewmitglieder müssen ihre Aufgaben für diese Art von Notfall aufsagen. Wir besteigen die zugewiesenen Rettungsboote und die Motoren werden gestartet, gewassert werden die Boote aber nicht. Im geschlossenen Rettungsboot ist es sehr heiss und eng, der Schweiss rinnt uns aus allen Poren. 

Noch um einige Grade heisser und sehr viel lauter ist es im Maschinenraum. Der Chefingenieur führt uns herum und erklärt uns die Funktionen. Ein zwei Stockwerke hoher 8 Zylinder 2-Taktmotor von Sulzer-Wärtsilä erzeugt 24'000 PS und bringt das Schiff damit auf eine Betriebsgeschwindigkeit von 18 Knoten (ca. 33.5 km/h). Der Motor dreht konstant mit 114 Umdrehungen pro Minute, ein Getriebe gibt es nicht. Die Geschwindigkeit vor- und rückwärts wird über die Schrägstellung der Schaufelblätter an der Schiffsschraube reguliert. Als Treibstoff wird nicht Diesel sondern gerei-nigtes und auf 135°C vorgewärmtes Schweröl verwendet. Die gewaltige Maschine hat auch mächtig Durst, pro Stunde werden 2'800 Liter Treibstoff verbraucht. Mit unserem Nordwind würden wir damit 20'000 km weit kommen! 

Am Nachmittag des 26. Mai häufen sich nach fünf Tagen Seefahrt in schwüler Hitze die offenen Fischerboote um unser Schiff und aus dem Dunst am Horizont erscheint Land. Wir erreichen Cap Vert und bald darauf die Einfahrt zum Hafen von Dakar (Senegal). Wie vor jedem Hafen warten wir auch hier auf einen Lotsen, der mit einem kleinen Schiff zu uns gebracht wird. Über eine Strickleiter steigt er durch eine Luke in der Seitenwand an Bord. Bei Wellen oder Dunkelheit ist das sicher nicht jedermanns Sache. Der Lotse leitet die Manöver im Hafenbereich und weist dem Kapitän den Anlegeplatz zu. Für die afrikanischen Häfen haben wir ein etwas ungutes Gefühl. Auf der letzten Seereise vor fünf Jahren haben wir gesehen, dass in Afrika immer besonders viele Hafenarbeiter zum Entladen der Autos an Bord kommen. Daher sind wir um die Sicherheit unseres Nordwinds ein wenig besorgt. Der Chief Mate bezeichnet aber zumindest den Hafen von Dakar als ruhig. 

Im Hafen sind ein paar neue Anlagen entstanden, die alten Hafenkais von damals sind aber geblieben und genau da legen wir wieder an. Am Kai ist es sehr eng, zwischen hohen Container-stapeln bleiben nur enge Durchfahrten, die Hafenfahrzeuge und die aus unserem Schiff rollende Fracht kommen sich öfters in die Quere und es wird viel gehupt. Sofort fallen uns die in den Schiffsfarben orange-weiss lackierten und mit Grimaldi Senegal beschrifteten LKW-Zugmaschi-nen auf. Die neue Tochterfirma scheint die Lage hier im Griff zu haben. Es wird flink gearbeitet wie kaum in einem europäischen Hafen zuvor. Aus dem Schiffsbauch werden neue und alte LKW’s, Reisebusse, erstaunlich viele neue Geländewagen und Exportautos direkt und ohne Schaden auf einen eingezäunten Platz gefahren. Ab dem Vordeck werden mit dem Bordkran viele Container entladen, die Hubstapler arbeiten sehr präzise in dem engen Labyrinth. Nur eine funktionierende Hafenbeleuchtung gibt es noch nicht, so wird halt bei Dunkelheit weitergearbeitet. 

Wir verlassen Dakar während der Nacht und erreichen bereits am folgenden Mittag die Mündung des Gambia-Flusses. Hier müssen wir die Flut abwarten, damit wir den kleinen Hafen von Gambias Hauptstadt Banjul überhaupt anlaufen können. Der Kapitän erklärt uns auf einer Seekarte die Tücken dieser Flussmündung. Die Strömungen von Fluss und Meer haben Sandbänke aufgeschüttet, die Fahrrinne ist an einer Stelle auch bei Flut nur ca. 10m tief. Die Grande San Paolo hat dann keine 2m Wasser mehr unter dem Kiel. Eine Brücke über den Gambia-Fluss gibt es nicht, die Strassenverbindung wird von drei alten Fährschiffen aufrechterhalten, die regelmässig gut gefüllt hin und her pendeln. 


Auch in Banjul waren wir auf der letzten Seereise schon. Der für die grossen Grimaldi-Schiffe arg kleine Hafen sieht noch genauso aus wie damals, gearbeitet wird aber auch hier etwas anders. Seit Dakar begleiten uns drei Angestellte von Grimaldi Senegal, die den Entladearbeiten in den folgenden afrikanischen Häfen erheblich mehr Schwung verleihen. Sie bedienen den Bordkran, den Containerstapler unter Deck und den Zugtraktor, mit welchem die im Unterdeck verstauten Container blitzartig auf den Kai befördert werden. 

Typisch für Afrika sind die fliegenden Händler, die sich schon kurz nach dem Anlegen neben der Rampe postieren. Sie bieten Fisch, Früchte, Holzsouvenirs und ihre Dienste als Touristenführer an. „Gambia is different, I show you everything, 100% satisfaction“ ruft einer ununterbrochen. Wir waren bereits vor fünf Jahren in der Stadt und verzichten dieses Mal auf einen Landgang. Einige Crewmitglieder schauen sich das Angebot an, ein Tauschgeschäft gegen Arbeitsoveralls wird abge-schlossen. Koch Rocco kauft sämtliche Mangos auf, an die 60kg werden in die Küche hochge-tragen. 

Nun folgt der erste der beiden uns noch unbekannten afrikanischen Häfen. Nach einem weiteren Tag Seefahrt in schwüler Hitze erreichen wir Conakry in Guinea. Der Hafen hier ist grösser als in Banjul und wirkt gut organisiert. Neben dem Containerumschlagplatz steht eine neu aussehende Verladeanlage für Bauxit, ein wichtiges Exportgut für Guinea. Auch die ersten Häuserzeilen hinter dem Hafen machen keinen armen Eindruck, aber daraus darf man wohl nicht auf das ganze Land schliessen. Denn bei Ebbe sind neben der Fahrrinne zum Hafen und sogar innerhalb des Hafenbeckens nicht wenige Wracks gestrandeter Schiffe zu sehen. 

Das Entladen der Exportautos aus Europa verursacht in Afrika generell ein wenig Chaos. Nicht alle dieser Fahrzeuge sind noch fahrfähig, einige müssen von Bord an Land gestossen und dort weggezogen werden. Hier in Conakry nimmt ein grosser Gabelstapler gleich zwei solcher Fahr-zeuge in Schlepptau. Begleitet werden diese Aktionen immer von vielen Leuten und grossen Diskussionen. Fracht nehmen wir hier keine auf, nur leere Container, die nach Europa zurückbefördert werden. Jeder dieser Container wird vor der Verladung nochmals geöffnet, kontrolliert ob sich kein blinder Passagier darin versteckt hält und die Tür dann plombiert. Aus Afrika flüchtende blinde Passagiere sind nicht selten und ein Problem für die Reederei Grimaldi. 

So richtig sichtbar wird die Armut dann in Freetown, der Hauptstadt des von langjährigem Bürgerkrieg geprägten Sierra Leone. Die Stadt erstreckt sich über mehrere bewaldete Hügel. Es gibt auch hier neu aussehende Häuser, nicht zu über-sehen sind aber die Ruinen, von denen wir nicht wissen, ob sie aus dem Krieg oder aus abgebrochener Bautätigkeit stammen. Dem Strand und Hafen entlang zieht sich ein Band armseliger Hütten aus Wellblech und Plastikplanen. Der grös-sere Teil von Freetowns Bevölkerung ist wohl sehr arm. Im Hafen steht denn auch eine grosse Lagerhalle des Welternährungsprogramms der UNO. Mit unserer Vermutung, dass nun die drei Schützenpanzer der UN-Friedenstruppen hier ausgeladen werden, liegen wir aber falsch. Ziemlich fehl am Platz wirkt in dieser Umgebung die Tatsache, dass aus unserem Schiff eine ganze Reihe zwar gebrauchter aber doch “dicker“ Schlitten der Nobelmarken Mercedes und BMW an Land gefahren werden. Alles ist aber auch hier nicht trist, eine Militärsportgruppe dreht zwischen den Containern ihre Runden und Kinder spielen auf staubigen Plätzen Fussball. Nach getaner Arbeit in Freetown verlassen uns die drei Angestellten von Grimaldi Senegal und treten die Heimreise nach Dakar an. 

Am Samstagnachmittag des 30. Mai ist unsere Mission Westafrika einen Tag früher als im Fahrplan vorgesehen abgeschlossen und wir nehmen die Atlantiküberquerung in Angriff. Der Fahrtwind und die frische Meeresluft wirken erholsam, wieder die endlose Weite bis zum Horizont zu sehen, tut gut. Das Elend, der Schmutz und die glühende Hitze in den afrikanischen Städten, stimmen uns nachdenklich. 

Schon länger hat Michèle mit Koch Rocco verabredet, dass sie einmal beim Brot backen hilft. Um 5:00 Uhr heisst es antreten in der Küche, um diese Zeit hat Rocco den Teig schon gemischt und die Knetmaschine läuft. Dann werden die 14kg Weissbrotteig zu kleinen Brötchen und zwei grossen Oliven-Fladenbroten verarbeitet. Bei 300°C kommt das Backgut 10 Minuten in den Ofen und fertig ist die Tagesration. So beginnt Rocco seine Arbeit jeden Tag. Nach dem Backen kommt der Küchengehilfe Cardozo und die beiden beginnen zu kochen. Heute stehen gebratenes Huhn, Fleischvögel, Lasagne, eine Auswahl von Antipasti, Gemüse, Suppe und Salat auf dem Speiseplan. 

Am zweiten Nachmittag exakt um 16:00 Uhr überqueren wir den Äquator. Eine grosse Äquatortaufe gibt es nicht. Es sind keine Passagiere, aber zwei neue Kadetten zu taufen, die noch nie vorher den Äquator überquert haben. Antonino und Fabio sind auf ihrer ersten Überfahrt mit dabei. Zwei Feuerwehrschläuche werden ausgerollt und die beiden minutenlang mit Meerwasser abgespritzt. 

| Immer wieder beobachten wir fliegende Fische, die sich durch schnelles Schlagen der Seitenflossen sicher 30m weit über Wasser fortbewegen können. Einen ganzen Tag begleitet uns auch eine Gruppe von Basstölpeln, die Jagd auf eben diese Fische machen. Sie kreisen über dem Wasser, visieren ihr Ziel an, stechen dann im Sturzflug ins Wasser und tauchen kurz unter. |


Fünf Tage dauert die Überquerung des Atlantiks, dann erspähen wir zum ersten Mal wieder Land. Durch das Fernglas erkennen wir einen schmalen Dünensteifen und viele Wolkenkratzer. Wir erreichen unsere erste Station in Südamerika, Salvador de Bahía in Brasilien. Viele Schiffe liegen ausserhalb des Hafens vor Anker, wir aber können direkt einlaufen. Schon von unserem Liegeplatz aus erkennen die Kirchtürme des auf einem Hügel gelegenen historischen Stadtviertels Pelourinho. Wir machen den ersten Landgang auf unserer Seereise und fahren mit dem Funicular in dieses Quartier hoch. Der Geldautomat spuckt nur grosse Noten aus und so fehlt uns das Kleingeld für die Standseilbahn. Das ist aber kein Problem, der freundliche Kontrolleur winkt uns einfach kostenlos durch. In der Kabine ist es stickig heiss, das hält zwei mitfahrende Frauen jedoch nicht davon, ein Liedchen zu singen. Viel Zeit haben wir nicht, um den Pelourinho zu erkunden, wir geniessen nur einen kurzen Spaziergang zwischen den alten Häuserzeilen. Schön renovierte Gebäude, heute zumeist Restaurants oder kleine Hotels, stehen in extremem Kontrast zu durch die hohe Luftfeuchtigkeit ergrauten Fassaden. Später auf unserer Reise werden wir Salvador wieder besuchen und dann mehr Zeit haben für diese interessante Stadt. 

Nur einen Tag dauert die Fahrt nach Vitória. Ab hier kennen wir die Route entlang der brasilianischen Küste bereits von unserer letzten Seereise her. Vitória hat als Stadt keine grosse Bedeutung, dient aber als Hafen für das industrialisierte Hinterland um Belo Horizonte. Die Hafenanlagen liegen in einer schmalen Bucht, das macht die Einfahrt mit unserem grossen Schiff sehr spektakulär. Wir passieren unter einer hohen Strassenbrücke, zwischen Felsen, mit kleinen Häuschen bebauten Hügeln, einer Militärbasis, modernen Bürohochhäusern und legen direkt gegenüber dem Stadtzentrum an. Hier schlagen wir nur wenig Fracht um und so finden einige Crewmitglieder Zeit, um sich im “Seamen’s Club“ ein Bierchen zu genehmigen. Wir erledigen derweil einiges im Internet, sind jedoch rechtzeitig zu Rocco’s Pizza zurück an Bord. 

In Rio de Janeiro beginnt unsere letzte Woche auf der Grande San Paolo. Wir verbringen die Nacht vor Anker, laufen noch in der Dunkelheit in den Hafen ein und am Morgen beginnen die Ladearbeiten. Etwas erstaunt beobachten wir, wie die Schützenpanzer der UN-Friedenstruppen entladen werden. Das Endziel dieser Fracht bleibt uns verborgen. Wegen des schönen Wetters entscheiden wir uns kurzfristig, einen Ausflug auf den Corcovado zu machen. Der Chief Mate nennt uns 14:00 Uhr als Zeit für die Rückkehr, also machen wir uns auf den Weg. In einem Bus fahren wir über eine Stunde lang quer durch die Stadt zur Bahnstation. Eine Zahnradbahn führt steil hinauf durch tropischen Wald zum Gipfel des Corcovado. Seit 1931 breitet hier eine monumentale Christusstatue die Hände schützend über Rio aus. Die Aussicht über die Stadt, den Zuckerhut sowie die bekannten Strände Copacabana und Ipanema ist fantastisch. 


Allzu viel Zeit zum Schauen bleibt uns leider nicht, bereits nach einer halben Stunde nehmen wir die nächste Bahn hinunter. Wir steigen wieder in den Bus und bleiben im Verkehrschaos stecken. Schon bald merken wir, dass es nicht zur vorgegebenen Zeit zurück in den Hafen reichen wird. In dieser Zeit ist bestimmt noch etwas Reserve eingerechnet, aber so richtig wohl ist uns bei der Sache trotzdem nicht mehr. Im Stadtzentrum steigen wir schliesslich in ein Taxi um und nennen dem Fahrer unser Ziel. Der glaubt den richtigen Weg zu kennen, fährt aber eher Richtung Passagierhafen, der auf der anderen Seite der Bucht liegt. Zum Glück ist die Grande San Paolo an einer Stelle über das Wasser hinweg zu erkennen, so findet der Taxifahrer den richtigen Weg doch noch. Am Hafentor sind wir bereits 40 Minuten zu spät. Im Laufschritt eilen wir die letzten 500 m zum Schiff, das Radar dreht sich bereits. Kaum stehen wir auf der Rampe, geht sie auch schon hoch. Buchstäblich in letzter Sekunde haben wir unser Schiff noch erreicht. Erleichtert gehen wir auf Deck, alle lachen, niemand ist uns böse, auch nicht der Kapitän. Die Abfahrt ist auf 15:00 Uhr angesetzt, der Lotse lässt aber auf sich warten und so dauert es doch noch eine halbe Stunde bis die Leinen los sind. 

Die nächste und letzte Station entlang der brasilianischen Küste liegt nur ca. 200 Seemeilen von Rio de Janeiro entfernt. Mit Santos erreichen wir den grössten Hafen in ganz Südamerika. Die Stadt ist nicht besonders gross, im unmittelbaren Hinterland liegt jedoch São Paolo, die grösste Stadt in Brasilien und “Namensgeberin“ für unser Schiff. Wir haben die Strecke zwischen Rio und Santos in der Nacht zurückgelegt. Um 3:00 Uhr morgens rumpelt es heftig, der Anker rasselt in die Tiefe. Der Chief Mate hat uns bereits früher erzählt, dass ein einziges Glied der Ankerkette 50kg wiegt. Bei Tageslicht zählen wir bis zu 33 Frachtschiffe, die vor Anker liegend auf die Freigabe zur Einfahrt in den Hafen warten. Auch wir warten und zwar geschlagene 34 Stunden lang, bis wir am folgenden Mittag endlich einlaufen können. Die Stadt rückt näher, sofort fallen uns hinter der Strandpromenade viele schief stehende Wolkenkratzer auf. Entweder nimmt man es in Brasilien mit dem Bauen nicht so genau oder man wählt den Baugrund nicht sehr sorgfältig aus. Eine lang gezogene Bucht bildet das Hafenbecken, links und rechts reihen sich die Verladeanlagen für Container und Schüttgut, Lager- und Silohäuser, Tankanlagen und ein Autoterminal auf. Die vertäuten Schiffe kommen aus aller Welt, nicht wenige Namen sind mit asiatischen Schriftzeichen geschrieben. Nach über einer Stunde langsamer Fahrt machen wir weit hinten im Hafen fest. Hier in Santos wird wieder einmal eine etwas grössere Anzahl Autos zugeladen. Sie stehen fein säuberlich auf dem Kai aufgereiht. Wir erkennen viele VW Gol, Fussball scheint hier wichtiger als Golfsport zu sein. Wir gehen kurz in die Stadt, um für Michèle’s Geburtstag ein paar Flaschen Champagner zu besorgen. Zu später Abendstunde legen wir bereits wieder ab und nehmen die längere Etappe nach Argentinien in Angriff. 

Auf See feiern wir Michèle’s Geburtstag. Die Küchenmannschaft hat zum Nachtessen eine Überraschungstorte vorbereitet, der Kapitän lok-kert vorübergehend das für die Crew geltende Alkoholverbot. Wir essen wie immer um 18:00 Uhr mit der ersten Schicht. Zum Dessert bekommt jeder ein Stück Torte und einen Becher Champag-ner. Das bildet auch für die Besatzung eine willkommene Abwechslung. Zwei Stunden später sind wir in der Kabine beim Lesen, als plötzlich die Tür aufgeht. Der Stewart Bashir bittet uns hastig in den Essraum, der Kapitän will auch noch mit Michèle anstossen. Er und die höheren Offiziere sitzen beim Nachtisch und so kommen wir zu einer zweiten Runde Torte und Champagner. 

Nach zwei Tagen Küstenfahrt vor Brasilien und Uruguay erkennen wir im Wasser plötzlich eine ziemlich markante Linie, die Farbe ändert von tiefblau nach silbern glänzend. Das muss sie sein, die Einfahrt in den Silberfluss, den Rio de la Plata. Die Farbänderung wird durch andere Strömungsverhältnisse und die geringe Wassertiefe von nur noch 40m hergerufen. Weiter hinten im Mündungstrichter wird die Wassertiefe noch um einiges geringer, ohne ausgebaggerte Fahrrinne wäre der Rio de la Plata für Hochseefrachter gar nicht schiffbar. Mitten in der Nacht erreichen wir Recolada, einen imaginären Punkt im Wasser, an welchem der Lotse zusteigt. Im nächsten Morgen-grauen ist Buenos Aires bereits zu erkennen. Die Grande San Paolo nimmt aber noch nicht Kurs auf die argentinische Hauptstadt, zuerst wird das Autoterminal von Zárate angelaufen. Diese Stadt liegt etwas im Landesinneren und so navigieren wir fünf Stunden in langsamer Fahrt auf dem Rio Paraná flussaufwärts. Die Fahrt ist sehr interessant, das Ufer liegt beidseits nahe und wir sehen viele Ferienhäuschen. Es ist Wochenende, so sind recht viele Bewohner anwesend, die meisten sitzen auf dem Bootssteg beim Fischen. Nicht alle besitzen ein Häuschen, es gibt auch viele Fischercamps aus Zelten und Plastikplanen. Auf dem Fluss herrscht reger Verkehr, vom kleinen Ausflugsboot bis zum grossen Schüttgutfrachter kreuzen wir alle Arten von Schiffen. Schon von weit her ist die grosse Hängebrücke über den Rio Paraná bei Zárate zu sehen. Als wir sie erreichen, befinden wir uns mitten in Industrieanlagen, stinkenden Ölraffinerien und hässlichen Fabrikruinen. 


Am Autoterminal in Zárate bleiben wir mehr als 24 Stunden. Exakt 1'745 Autos und einige LKW’s werden zugeladen. Damit ist die Grande San Paolo für die Fahrt nordwärts wieder etwas besser ausgelastet. Nur das Vordeck mit den Containern ist mittlerweile fast ganz leer. In der Nacht nehmen wir die allerletzte Etappe unserer Seereise unter den Kiel. Bis um Mitternacht verfolgen wir die Fahrt flussabwärts auf der Kommando-brücke, dann schlafen wir ein letztes Mal in unserer Kabine. Noch vor Sonnenaufgang laufen wir im Hafen von Buenos Aires ein. Ein paar Stunden bleiben uns noch an Bord, so können wir uns von der Schiffsbesatzung verabschieden. Dann ist es soweit, wir rollen über die Rampe auf argentinischen Boden. Nach drei Jahren und zehn Monaten sind wir zurück im Land der Gauchos. 

Auf der Strecke von Hamburg nach Buenos Aires haben 7'625 Seemeilen oder ca. 14'129 km zurückgelegt, in 15 Häfen Station gemacht und dafür 36 Tage gebraucht. Auch die zweite Seereise nach Südamerika hat uns sehr gut gefallen, Langeweile ist auch diesmal nicht aufgekommen. 



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